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ST. DONATUS, WO ZWEI WELTEN AUFEINANDERTREFFEN

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TIEF IM MID-WEST DER VEREINIGTEN STAATEN, ABSEITS BRAUSENDER GROßSTÄDTE UND MAINSTREAM- TOURISTENATTRAKTIONEN, LIEGT EIN KLEINES DORF, DAS EINE REISE ZURÜCK IN DIE ZEIT VERSPRICHT. MITTE DES 19. JAHRHUNDERTS KAMEN HIER DIE ERSTEN LUXEMBURGER AN, MIT DER HOFFNUNG AUF EIN NEUES LEBEN IN DEN STAATEN. MEHR ALS 160 JAHRE UND VIELE GENERATIONEN SPÄTER FINDET MAN HIER IOWAS VERSION VON LUXEMBURG. WER AUF DER SUCHE NACH KULTURPERLEN REICH AN GESCHICHTE IST, KANN IN ST. DONATUS SEIN GLÜCK FINDEN.

DIE LANDSCHAFTEN UND DAS PITTORESKE DORF geben einem ein Gefühl von Déjà-Vu – man muss zweimal hinschauen, ob man wirklich nicht in Luxemburg ist. Auf den ersten Blick sieht „Saint Do-nay-tus“, neben der verwirrenden Ähnlichkeit mit Luxemburg, jedoch nicht sehr außergewöhnlich spannend aus: eine Hauptstraße, einige Nebenstraßen mit Häusern und eine Kirche auf einem Hügel über dem Dorf. Die paar Gebäude haben es aber in sich, nicht ohne Grund sind sie im „National Register of Historic Places“ aufgelistet. Für Kultur- und Geschichtsinteressierte eine wahre Fundgrube. St. Donatus zählt knapp 100 Einwohner, mehr als die Hälfte davon hat luxemburgische Wurzeln. Nachnamen wie Theisen, Scholtes oder Kalmes sind Beweis dafür und werden mit rührendem Stolz getragen.

DIE MEISTEN GEBÄUDE sind noch im traditionellen luxemburgischen Stil wiederzufinden, ganze achtzehn der ursprünglichen Steinhäuser sind heute noch so erhalten, wie sie vor über 160 Jahren gebaut wurden. So auch die urige Dorfwirtschaft Kalmes, die über fünf Generationen zurückgeht. Heute gibt es hier neben dem Restaurant und der Bar auch ein kleines Lebensmittelgeschäft und eine Tankstelle. Die Bar könnte nicht amerikanischer sein – mit Jukebox, Billardtisch und dem Tresen, wo schwere Männer in Harley-Jacken und mit grauen, geflochtenen Bärten sorgsam ihren Budweiser trinken. Hinter der amerikanischen Kulisse versteckt sich jedoch eine luxemburgische Oase, das „Luxembourg Room“, ein Zimmer ganz den luxemburgischen Wurzeln gewidmet, an den Wänden Bilder vom großherzoglichen Ehepaar und Luxemburg. Auf der Speisekarte traditionelle luxemburgische Gerichte wie Schnitzel, Kniddelen und Träipen, aber auch Schinken und Sauerkraut auf Pizza. Es ist ein Platz, an dem zwei Welten aufeinandertreffen.

„DAS ERSTE MAL, ALS ICH IN LUXEMBURG aus dem Flugzeug stieg, war mein erster Gedanke – oh my God, wir sind wieder in St. Donatus.“ Nester Lampe ist mit stolzen 89 Jahren der älteste Einwohner, der in St. Donatus geboren wurde und noch Luxemburgisch spricht. Er erzählt davon, wie die ersten Luxemburger Mitte des 19. Jahrhunderts hierherkamen, Flüchtlinge der Hungersnot und schlechten Ökonomie, die ihr Glück in den Staaten suchten. Luxemburgisch sprach zu der Zeit hier jeder, als aber der Krieg kam, ähnelte die Sprache zu sehr der Deutschen. 1980 wurde der Kontakt zum Heimatland wieder aufgenommen und man fing erneut an Luxemburgisch zu sprechen. „Die Luxemburger sind gute Menschen, aber verdammt stur.“ Und vielleicht ist es genau diese Sturheit, die ihnen vor so vielen Jahren zu einem Leben in der Ferne verhalf. Abends werden im „Luxembourg Room“ Lieder gesungen, selbstverständlich auf Luxemburgisch. Unter anderem auch die luxemburgische Nationalhymne. „Ons Heemechtsland, dat mir sou déif an onsen Hierzer dron“ – unsere Heimat, die wir so tief in unseren Herzen tragen. Wörter, die für Rest des Abends noch nachklingen.

DAS HEIMELIGE BED & BREAKFAST GEHLEN HOUSE INN lädt zum Entspannen ein. Das alte Steingebäude, einst eine Postfiliale, wurde 1848 gebaut. Sieben pittoresk eingerichtete Zimmer tragen Namen wie Diekirch, Ettelbrück oder Clervaux, eine weitere Hommage an das Heimatland.

BEI EINEM BESUCH VON ST. DONATUS kommt man an der St. Donatus Church und der dazugehörigen Pieta Chapel nicht herum. In der Kirche, die 1848 aus Holz gebaut wurde, findet man eine Statue der Trösterin der Betrübten, die der luxemburgische Erzbischof 1986 der Kirche St. Donatus schenkte. Auf dem Friedhof, mit Blick über das Dorf und die hüglige Landschaft, die einen herzergreifend an Luxemburg erinnert, ruhen sie, die Kieffers, Webers, Bonifas, Thielens und viele andere, die einst nach St. Donatus kamen, um sich hier ein besseres Leben aufzubauen. Was sie heute wohl sagen würden, wenn sie wüssten, was aus Luxemburg geworden ist, dass in St. Donatus noch immer Luxemburgisch gesprochen wird, und heute Luxemburger hierherreisen, um die Geschichte ihrer Vorfahren zurückzuverfolgen. Der Spruch „Mir wëlle bleiwen, wat mir sinn“ ist mir jedenfalls noch nie so nah gewesen.

Auf dem Friedhof ruhen sie, die Kieffers, Webers, Bonifas, Thielens und viele andere, die einst nach St. Donatus kamen, um sich hier ein besseres Leben aufzubauen

ADRESSEN & SEHENSWÜRDIGKEITEN

KALMES RESTAURANT

100 Main St, St. Donatus, IA

GEHLEN HOUSE INN

101 Main St, St. Donatus, IA

ST. DONATUS CATHOLIC CHURCH
52071 E 1st St, Bellevue, IA

ÄLTESTE SCHEUNE IOWAS

101 Main St, St. Donatus, IA

HILKIN HOUSE, ÄLTESTES HAUS IN ST. DONATUS

W 1st St, St. Donatus, IA

ST. DONATUS PARISH MUSEUM

97 East 1st St, St. Donatus, IA

ANREISE
Flug nach Chicago, dann weiter mit dem Auto nach St. Donatus (ca. 4 Stunden)

Autor: JENNY BIVER

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